Brief an Sophia

Es ist wohl der schwierigste Brief den ich jemals schreiben musste. Einer, bei dem ich stundenlang vor einer weißen Seite sitze, und versuche, die rasenden Gedanken in meinem Kopf irgendwie zu greifen und in verständliche Worte zu fassen, um dir all das sagen zu können, was ich seit Wochen versuche zu begreifen, zu formulieren, zu verarbeiten. 

Seit diesem Tag Ende Juli an dem die Welt plötzlich aufhörte sich zu drehen. Der mir immer als der schlimmste Alptraum in Erinnerung bleiben wird. Der Tag an dem die Ärzte mir mitteilten, dass etwas nicht in Ordnung ist. Und du deshalb viel zu früh auf die Welt kommen wirst. Zu früh, um eine Chance zum Überleben zu haben. Dass es nicht an dir liegt, sondern an einer leider zu spät erkannten Schwäche meines Körpers. Du warst gesund, hast bis zu letzt gekämpft und wolltest leben, aber du hattest keine Chance, diesen Kampf zu gewinnen. 

Als ich wieder zuhause war, schrie einfach alles nur nach dir. Der Körper, die Seele, die Hormone, alles brüllte und verlangte nach dem Baby das ich auf die Welt gebracht hatte. Aber du warst nicht da. Es ist schwer oder gar unmöglich, die darauffolgenden Tage und Wochen in Worte zu fassen. Trauer, Wut, Depressionen, ein tiefes Gefühl von Dunkelheit und Ausweglosigkeit. Ich weiß nicht mehr wie viele Nächte ich seitdem durchgeweint habe, wie viele Zigaretten ich dabei geraucht habe und wie oft ich mir die Frage gestellt habe, warum gerade uns das passieren musste. 

Es wäre zu einfach, irgendwem die Schuld daran zu geben. Es waren so viele Faktoren die zusammenkamen. An vielen Stellen wurde gepfuscht und in seiner Gesamtheit wurde ein schlimmer Schicksalsschlag daraus. Und die schlimmsten Ängste jeder Mutter, aller Eltern, damit Realität. 

Und plötzlich war der ganze Sinn weg. Alle Träume und alle Pläne. Und da war einfach nur ein großes schwarzes Loch. Niemand mehr im Bauch, der abends Purzelbäume schlägt. Ab dem Tag an dem wir wussten, dass es dich gibt, hat sich etwas in mir verändert. Und auch wenn die Situation am Anfang alles andere als einfach war, haben wir es innerhalb von 4 Monaten geschafft, das Leben komplett auf dich einzustellen. Weil wir uns unglaublich auf dich gefreut haben. Darauf, eine Familie zu sein. 

Es hat eine Weile gedauert um zu begreifen, dass das Leben weitergeht. Dass es natürlich gut ist, dass wir das Leben so schnell umgeworfen haben, dass ich nun hier in meinem neuen Zuhause, weit weg von meiner Heimat einen Ort gefunden habe, an dem ich mich wohl fühle. Dass aus einer stürmischen jungen Liebe die Gewissheit wurde, dass wir eine Familie sein wollen. Ich bereue keinen meiner Schritte die ich getan habe, denn es war gut so. Mein Leben brauchte einen Umbruch.

Aber du bist nicht mehr da. Und auch wenn du nur kurz ein Teil unserer Welt warst, ist sie nicht mehr das, was sie davor für uns war. Alles muss neu geordnet werden. Der Alltag hilft uns, wieder auf die Beine zu kommen. Aber ich denke jeden Tag an dich. An das „was wäre wenn“. Was wäre aus dir geworden? Wessen Augen hättest du gehabt, wessen Haarfarbe? Wärst du Nobelpreisträgerin, Krankenschwester oder Superheldin geworden? Brummbärig und frech wie dein Papa, extrovertiert und sensibel wie deine Mama? Wärst du in den Ferien gerne zu Oma und Opa nach Stuttgart gefahren und wärst mit ihnen in den Zoo gegangen, hättest sie mit Schokoladenflecken auf dem Sofa in den Wahnsinn getrieben? Hätte Papa in der Pubertät jeden deiner Verehrer mit dem Luftgewehr verjagt? Hättest du Tiere geliebt, Fußball gespielt, die Welt bereist? All das frage ich mich jeden Tag und jeden Tag tut es aufs neue weh.

Es ist schwer, diese Gedanken loszulassen. Und ebenfalls schwer all die Dinge zu sehen, die wir schon für dich gekauft haben. Sie wegzupacken haben wir noch immer nicht geschafft. Und jedes mal ist es schlimm, daran vorbeizugehen.Und wenn wir es geschafft haben, wird deine Schatzkiste immer einen Platz bei uns haben und daran erinnern, dass du trotzdem für immer bei uns bist. 

Aber wir setzen Hoffnung in die Zukunft. Was uns die letzten Monate gezeigt haben ist, dass wir eine Familie sein möchten. Mama und Papa kannten sich ja noch nicht sehr lange und was unsere junge Beziehung in diesem Jahr alles aushalten musste, lässt manch andere daran zerbrechen. Aber wir haben das alles gemeinsam toll gemeistert, auch wenn es nicht einfach war. Und am Ende des Tages können wir das alles auch immer schwer begreifen, was in der kurzen Zeit alles passiert ist. Dass wir mit Ende 30 noch einmal solche Gefühlsachterbahnen mitmachen. Wo wir eigentlich beide der Meinung waren, dass das Leben nicht mehr viel spannendes für uns bereithält. Bei deinem Papa fühle ich mich wohl, geborgen und angekommen. Und deshalb bin ich mir sicher, dass er auch ein ganz wunderbarer Papa für dich gewesen wäre. 

Es hilft niemandem von uns, wenn wir uns vergraben und an unserer Trauer kaputtgehen. Die Erde muss wieder anfangen, sich zu drehen. Wieder arbeiten zu gehen hilft, ebenso wie ich wieder anfangen möchte, zu bloggen. Schreiben hat mir immer gut getan und geholfen und deshalb habe ich auch jetzt die Flucht nach vorn gewagt. Wer die schönen Dinge teilt kommt manchmal eben auch nicht an den schrecklichen Dingen vorbei. Aber es hilft. Ein bisschen zumindest.

Sophia, unsere kleine Tochter, du wirst immer ein Teil unserer Familie sein. Egal was kommen wird. Du bist der Beweis, dass einen Liebe immer treffen kann, auch oder gerade dann, wenn man am wenigsten damit rechnet. Wenn man nicht danach sucht. Und dass das Leben sein eigenes Spiel spielt, nach seinen eigenen Regeln. Und die haben meistens nicht mit dem zu tun, was man sich selbst ausgemalt hat.

 

In unseren Herzen und unseren Gedanken wirst du immer bei uns sein.

 

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2 Comments

  • yaprak
    September 28, 2017 06:20

    Liebe Elli, ich wünsche dir und deinem Partner alles Gute und ganz viel Kraft und ich bin mir sicher, dass Sophia mit euch die tollsten Eltern gehabt hättet. Haltet euch fest, so würde es Sophia wollen… bleibt stark. Sicherlich werdet ihr noch mal das Glück bekommen ein Brüderchen oder Schwesterchen für Sophia zu geben ♥

    • Elli
      September 29, 2017 18:58

      Danke❤️❤️❤️

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