„Wie ein gestrandeter Wal“ – Frauen erzählen uns ihre prägendsten Beleidigungen

 

Als Admin in einer großen Facebookgruppe zum Thema Plus-Size-Fashion stolpere ich täglich über viele Bilder und viele Geschichten. Ich sehe jeden Tag so viele tolle Frauen in so tollen Outfits, dass ich total baff bin, was sich in den letzten Jahren in dieser Hinsicht getan hat. Dicke Frauen sind nicht mehr unsichtbar, versuchen sich nicht mehr zu verstecken. Das ist grandios!  Je mehr Mitglieder wir sind, inzwischen über 3000 – desto mehr traurige Geschchten reihen sich aber auch ein. Ich muss jeden Tag Dinge lesen, dass die Frauen und Mädels gemobbt, ausgegrenzt und beleidigt werden – aufgrund ihres Gewichtes.

Mein großartiges Adminteam, welches ich an dieser Stelle einmal mehr als herzlich grüßen möchte (Ihr macht so einen tollen Job, Mädels!) und ich, wir versuchen mit unserer Gruppe Mut zu machen. Ganz ganz oft müssen wir aber auch gebrochene Seelen aufbauen. Deshalb haben wir mit unserer Gruppe einen „Safe Space“ geschaffen. Wir propagieren Bodypositivity und stehen gegen Bodyshaming ein. Ungefragte Beurteilungen von Outfits sind nicht erwünscht. Denn viele Frauen sind gerade dabei, ihren Stil ganz neu zu finden. Sie trauen sich Dinge, die sie davor nicht gewagt hätten, und das können banale Dinge sein, wie eine neue T-Shirt-Farbe, oder das erste Kleid seit 20 Jahren.

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Ich möchte ein Beispiel anführen, über welches ich schon mehrmals in meinen Livevideos gesprochen habe, und wahrscheinlich könnt ihr es schon nicht mehr hören, solltet ihr regelmäßige Livevideogucker sein. Ein Mädchen stellte ihr Outfit vor, welches sie zum Vorstellungsgespräch trug. sie schrieb, wie toll sie sich darin fühlte und was für ein gutes Gefühl sie nun für das Ergebnis des Gespräches habe. In den Kommentaren hatten die Damen dann nichts besseres zu tun, als das Outfit zu zerreißen, Das Mädel schrieb dann irgendwann nur darunter, dass sie sich bedankt, dass ihr das gute Gefühl nun genommen wurde und dass sie nun wieder total unsicher ist.

Toll gemacht was? Ich bekomme diese Geschichte nicht aus dem Kopf, sie macht mich noch immer wütend.

Aber dies ist nur eine von vielen Geschichten und eigentlich geht es hier heute um noch weitaus schlimmeres und zwar um all die Beleidigungen, die wir tagtäglich über uns ergehen lassen müssen, weil wir nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen. Viele dieser Geschichten erzählen uns die Userinnen jeden Tag. Jede davon geht mir nah. Weil ich nicht verstehen kann, warum Menschen andere so verletzen müssen, dass diese ein oft jahrelanges Trauma davontragen. Und das ist nicht übertrieben. Und das alles nur, weil man dick ist. Ein Umstand der in unserer Zeit verachtenswerter ist, als ein Bankraub oder ein mieser Charakter. Und das in einer Zeit, in der die Menschen immer dicker werden. Eine letzte Woche veröffentlichte Studie der KKH brachte zutage, dass ein sehr großer Teil der Bevölkerung Übergewichtige abstoßend und unattraktiv findet. Gut, über Attraktivität lässt sich nicht streiten, niemand kann beeinflussen was er anziehend findet oder nicht. Aber Respekt? Warum kann man jemandem der einem nicht gefällt nicht trotzdem Respekt entgegenbringen? Nur weil er augescheinlich vielleicht disziplinlos, faul oder ein Lebensmittelschaufelbagger ist? Ist es so, dass vermutete Disziplinlosigkeit in der westlichen Gesellschaft als so großer Makel gilt, dass abfällige Beleidigungen ein akzeptiertes Mittel sind?

 

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Ich werde recht selten beleidigt. Vielleicht liegt es daran, dass ich aufrechten Hauptes und mit einem gesunden Selbstbewusstsein ausgestattet durch die Welt gehe. Aber auch ich habe schlechte Tage und an solchen rechne ich an jeder Straßenecke mit dummen Kommentaren. Ich kenne Mädchen, die sich nicht mehr heraustrauen, aus Angst vor Beleidigungen. An schlechten Tagen gilt das Gesetz der selbsterfüllenden Prophezeiung. Man wird garantiert blöd vollgequatscht. Ich erinnere mich an jede dieser Beleidigungen. Und das ärgert mich, denn niemand davon wird sich noch daran erinnern, mich beleidigt zu haben. Und ich hasse es, dass ich diesen Menschen Raum in meinen Gedanken einräume. Selbstbewusstsein ist nichts, was man auf Knopfdruck aktivieren kann. Es ist etwas, was man sich über Jahre erarbeitet, Und meistens ist es auf dem Scherbenhaufen gewachsen, den andere bei einem hinterlassen haben. Die meisten selbstbewussten Frauen haben scheiß Erfahrungen gemacht, die sie irgendwann unter dem Motto „Was mich nicht tötet, härtet ab“ abgehakt haben und daran gewachsen sind. Nicht jeder kann das. So mancher bricht auch daran. Was ich nicht will/kann, ist über die Beleidigungen sprechen, die ich mir schon anhören musste. Warum das so ist, wo ich hier doch Woche für Woche Seelenstriptease veranstalte? Will es Dinge gibt, die mir trotzdem zu privat sind, um sie mit der Öffentlichkeit zu teilen. Weil ich auch verletzlich bin und weil ich manches in den Ecken meiner Seele für immer vergraben will. Dazu zählen eben auch solche Erfahrungen. Umso mehr Respekt zolle ich all jenen, die meinem Aufruf gefolgt sind und ihre Geschichten mit mir und uns teilen. Ich hatte aufgerufen, eure schlimmsten Beleidigungen aufzuschreiben und mir zu schicken. Und einige sind diesem Aufruf gefolgt, was ich unglaublich mutig und bewundernswert finde. Manche sogar mit Bild. Hut ab! Ich finde es Hammer! Und nun möchte ich euch, nach einem ellenlangen Prolog zu den Heldinnen des heutigen Tages führen, zu den Mädels die sich hinstellen und ihre Geschichten erzählen, wie sie Gewichtsdiskriminierung erlebt haben.

 

Die Geschichten

 

Meike, 28, Frankfurt (98 Kg, Konfektionsgröße 52)14355889_1116913365012041_1517731303_n

„Ich war in der 5. oder 6. Klasse und meine damalige beste Freundin (die dünn ist) und ich sind an einem heißen Sommertag ins Schwimmbad gegangen. Wir hatten Spaß, bis zu dem Zeitpunkt, als wir beide aus dem Schwimmbecken raus sind und ein paar Jungs meinten: Schaut mal Leute der Wal ist gestrandet!! Sie lachten sich tot und zeigten alle mit dem Finger auf mich. Ich habe mich in Grund und Boden geschämt. Es machte mich einfach nur kaputt und hat mich tief verletzt. Ab da begann dann meine „Karriere“ als die Assibraut, die alles und jeden verprügelt der gemein zu mir war oder mich nur dumm angeschaut hat. Darauf bin ich nicht stolz, aber sie haben mich dazu gebracht, mich zu wehren. Leider auf eine scheiss Art und Weise! Leider bin ich auch abgerutscht in Sachen Alkohol und Drogen, denn ich hatte mir durch mein Image einen falschen Freundeskreis angelacht. Das Ganze ging ca. 4 Jahre so. Dank einer guten Freundin habe ich es geschafft da wieder rauszukommen und mein Leben wieder in geregelte Bahnen zu lenken. Heute bin ich selbstbewusster und verstecke mich nicht mehr, weil ich gelernt habe, dass jeder seine Probleme hat und die meisten Leute auf andere losgehen, weil sie mit sich selbst nicht im reinen sind. Viele Menschen halte ich mir auch gekonnt durch mein äußeres Erscheinungsbild vom Leib, denn wer meint Menschen mit Tattoos oder Piercings sind schlechtere Menschen, der denkt falsch und hat mich nicht verdient! Ich stehe für meine Freunde ein und helfe wo ich kann! Das meiste Selbstbewusstsein habe ich allerdings meinem Freund zu verdanken, der mich so liebt wie ich bin und mich stets verteidigt, wenn es nötig ist. Beleidigungen sind heutzutage leider immer noch präsent und lassen mich nie zu hundertprozent in Ruhe. Es ist und bleibt ein ewiger Kampf! Man muss sich Inseln suchen, die einen glücklich machen und einem zeigen das das Leben lebenswert ist!“

 

 

Tanja, 1.69cm – 85kg – Konfektionsgröße ~46

 

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„Ich war immer schon ‚mopsig‘ (so nannte meine Mutter das früher) und meine Schulzeit war nicht immer rosig. Richtig geprägt & auch im Verhalten beinflusst hat mich aber erst ein Erlebnis mit ca 18. Bis dahin war ich immer ziemlich im Reinen mit mir und hatte mir einen guten Freundeskreis aufgebaut, der mich schlicht vergessen ließ, dass irgendwas an mir ‚falsch‘ sein könnte. Dann dieser Sommerabend. Feiern gehen, trinken, lachen, Spaß haben, tanzen. Am Ende noch eine Pizza holen, bevor es zum Taxi geht. Da setzt sich dieser betrunkene, deutlich ältere Mann neben mich auf die Treppenstufen und flüstert mir zu: ‚So eine Wuchtbrumme wie Du sollte lieber keine Pizza essen. So will Dich kein Mann mehr‘ Trank sein Bier aus und verschwand. Ich konnte nicht reagieren, hab es auch keinem gesagt. Ich dachte nur, dass es also schon so weit gekommen ist, dass andere sich von mir und dem was ich esse provoziert fühlen! Die nächsten 2 Jahre habe ich in der Öffentlichkeit nichts ungesundes mehr gegessen. Heute – 13 Jahre später und 10 kg dicker – weiß ich: Der Kerl war ein sexistisches Arschloch und ich bin voll in Ordnung, so wie ich bin.“

 

Sarah, 27

„Ich bin Sarah, 27 Jahre alt und trage Größe 50/52 mit einer Größe von 182 cm und 146 kg. Vor ca 1.5 Jahren hatte ich noch 184 kg und war verheiratet. Nach dem mein Mann mich betrogen hatte war es ihm wohl noch nicht genug mit der Demütigung. Er gab mir die Schuld an seinem betrug. Mit den Worten „schau dich doch mal an. Guck mal wie fett du bist. Du glaubst doch wohl nicht wirklich, dass irgendein Mann auf dieser Welt dich nackt sehen will. Du bist eine Zumutung so wie du rumläufst. Ich schäme mich mit dir verheiratet zu sein“

Boom. Das saß. Ich habe mich tagelang verkrochen. Nicht mal meine Familie oder meine beste Freundin kamen an mich ran. Von diesen Beleidigungen weiß bis heute keiner. Doch ich hoffe ich kann mit dieser Geschichte anderen Frauen denen es so geht, Mut machen. Jede Frau ist schön. Ganz egal ob Kleidergröße 34, 46, 58 ob noch kleiner oder größer. Keine Frau hat es verdient solche Wörter zu hören. Ich selber habe mir natürlich die Schuld an allem gegeben. An seiner Fremdgeherei, am Ende unserer ehe. An einfach allem. Ich bin nach Wochen dann endlich wieder mal rausgegangen. Nach dem ich die ersten 15 Kilo abgenommen hatte und mein Selbstbewusstsein endlich wieder zurückkam. Ich habe in der Zeit wundervolle Menschen kennen gelernt. Egal ob männlich oder weiblich. Und auch durch die Männer Welt Bestätigung bekommen. Es tat so gut. Denn ich hatte den Worten meines Mannes geglaubt… Keiner will so einen Wal wie mich haben“

 

Yasmin

„Das du darüber schreiben möchtest finde ich klasse. Ich hatte in den letzten Wochen öfters das Problem das ich von Personen in der Öffentlichkeit angegriffen wurde ;(
Hierzu meine schlimmste Erfahrung
Ich war gemeinsam mit der Family auf einer Kirchweih wir hatten uns alle hübsch gemacht und wollten ein bisschen Zeit miteinander verbringen. Nachdem wir mit dem essen fertig waren und wir im Richtung der Karussells laufen wollten liefen wir durch eine engere Gasse zwischen Bierbänken lauter Menschen die feierten viele glückliche Gesichter … Ich hatte meine Tochter an der Hand… Als eine ältere Dame ca. 80 auf mich zu kam und meinte „allmächt ist die fett “ ich wäre am liebsten im Erdboden versunken
Ich habe angefangen zu weinen dieser dämliche Spruch hat mich hart getroffen
und ich kann nicht immer noch nicht begreifen wie man so unverschämt und gemein sein kann

 

Gabriele, 42 Jahre alt, 120kg, Konfektionsgröße 54

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„….An den Radfahrer der mir heute früh auf dem Weg zur Arbeit augenscheinlich einen guten Tipp geben wollte: „Hinlegen und Rollen – das ist einfacher!“ lässt sich im Vorrauschen viel einfacher rufen, als es von Angesicht zu Angesicht zu formulieren, nicht wahr? Das hätte allerdings Mut vorausgesetzt. So behalte ich jedenfalls nur das eine in Erinnerung: wie ein Möchtegern „Ich bin so cool und sexy“ -Radler in gewollt lotteriger Kleidung nach seinem sogenannten Bon Mot noch schneller in die Pedalen tritt um den Platz des Geschehens zu verlassen, und denke mir: Du arme feige Socke. Ich hoffe, es geht dir jetzt besser. Und dann denke ich mir noch: morgen wird es wieder warm. Und ich werde mich wieder nicht verstecken. Vielleicht trifft man sich nochmal auf einen Blick. Und ich werde schmunzeln. Denn du triffst mich nicht. – Gute Nacht!“

 

Beate, 35 jahre, 1,76 m, Konfektionsgrösse 52/54

 

„in meiner alten Firma wurde ich nicht nur bezichtigt, dass ich das WC verunreinige, nein es passierte auch folgende Geschichte:
in Innsbruck gibt es öfter kleine Erdbeben, so auch an diesem tag. wir gingen alle in den Gang raus (jeder hatte ein kleines Büro) und da sagt mein Chef „ah, ich dachte es wär ein Erdbeben, dabei ist die Fadum nur aufgestanden“… ich war so schockiert, dass ich mich weder wehren noch sonst was konnte… ein Arbeitskollege hat ihn drauf hingewiesen, dass das eine Frechheit war. der Chef hat sich mit den Worten entschuldigt „sie wissen ja, dass es nicht so gemeint war“. ich war damals noch jung und traute mich nicht, jetzt würde ich das nicht so hinnehmen“
 
 
Kerstin, 36
 
„Davon mal abgesehen, das man als dicker Mensch ständig dumm angeschaut und gemustert wird… war mein schlimmstes Erlebnis in meiner Jugend … meine Achso besten Freunde haben mich auf schlimmste gemoppt… ich wurde “ Roller“ genannt… fast ein Jahr ging das so… täglich sind die an unserem Haus vorbei und haben „Roller“ Roller“ gerufen… in der Schule überall… das ich zu Fuß zur Gesamtschule gelaufen bin… … und vor gut zwei Wochen im Schwimmbad… unser Sohn hatte einen Schwimmkurs … ich war ganz normal angezogen… Jeans, Tunika und Jeansjacke und wurde von einer älteren Dame heftigst gemustert und das Gesicht was gezogen hat… es gibt Tage da interessiert mich sowas überhaupt nicht und dann gibt es Tage wo mich das wie ein Stich ins Herz trifft…
 
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Liebe Frauen! Ich bedanke mich allerherzlichst für eure Erfahrungen die ihr hier mit uns teilt. Ich möchte aber an all jene appellieren, die sich tagtäglich solchen Erlebnissen ausgesetzt fühlen. Die sich nicht mehr raus trauen, oder nur mit Bauchschmerzen unter Leute gehen: Ihr seid nicht weniger wert als jeder andere Mensch auch. Es gibt nur einfach Menschen, die Spaß daran haben, andere zu beleidigen, niederzumachen, herabzuwürdigen. Dies passiert in den meisten Fällen gedankenlos, aber auch manchmal, damit sie sich besser fühlen können. Weil das eigene Leben nicht so läuft, wie sie es gerne hätten. Bitte lasst euch von so etwas nicht die Freude am Leben nehmen. Nur wenn wir rausgehen, uns zeigen und mit gestrecktem Mittelfinger (metaphorisch – oder auch nicht 😉 ) solchen Leuten begegnen, können wir sie aus der Reserve locken.
 
Also bitte verkriecht euch nicht. Lasst euch weder euer Selbtsvertrauen noch den Spaß an Mode nehmen.
 
And rock on girls!
 
 
 
 

 

unterschrift

 

 

 

 

 

 

 

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2 Comments

  • Betci
    Oktober 3, 2016 15:31

    Ich erinnere mich auch noch, wie ein guter Kollege, als wir betrunken waren, zu mir meinte, ist ja schon schade, dass du so fett bist. Hab mittlerweile keinen Kontakt mehr zu ihm, solche Menschen brauch ich nicht in meinem Leben, auch wenn sie sich tausend Mal entschuldigen. Man weiss immer, sie schauen eigentlich nur auf dich hinab -__- Hätte auch gern dein/euer Selbstvertrauen 😀

    • Elli
      Oktober 3, 2016 15:55

      What the fuck? Das kann ich einfach nie verstehen! Und du kannst Selbstbewusstsein haben, denn du bist wunderschön! Du hast dich etwas getraut, das sehr viel mutiger ist als alles was ich mich je getraut habe :-*

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